Main Menu/

Massurrealismus(James Seehafer - 1992) ist eine Kunstform die Ihren Ursprung in der Kombination von Surrealismus und an Massenmedien orientierte Kunstrichtungen [ wie zum Beispiel "Pop Art" ] hatte. Hier zeigte sich abermals die Verschmelzung von Pop Art, Massenkommunikation und Technologie als zentraler Bestandteil in den Arbeiten der Künstler. Im Laufe der Zeit kommen neue Medien und Technologien hinzu. Der Computer beginnt in die Kunstwelt einzuziehen und mit Ihm entstehen neue masssurealistische Tendenzen die langsam den Einfluss aus der Pop Art verlassen und in neue losgelöste Projekte münden.

Historisch war der Surrealismus eine Bewegung von Ideen in der Kunst, die zwischen den beiden Weltkriegen entstand und sich rasch verbreitete. Heute jedoch akzeptiert der Betrachter surrealistische Bilder automatisch. Wir begegnen ihnen, wo immer wir hinsehen. Man kann Surrealismus in Kinderbüchern, im Fernsehen, in der Werbung, in Musikvideos, Filmen und jeder anderen Form von Massenmedien finden. Jemand kann heute überall Beispiele von Surrealismus sehen, ohne sich bewusst zu werden, dass er auf ein surreales Bild schaut. Jetzt, wo Massenmedien und Technologie über uns gekommen ist, hat der Massurrealismus eine besondere Art der Betrachtung gewisser Formen von Gegenwartskunst erzeugt. Und warum ist das nun so wichtig? Massenmedien und Technologie spielen bereits eine ständig wachsende Rolle hinsichtlich der Art und Weise, wie die meisten zeitgenössischen massurrealistischen Künstler über die Herstellung ihrer Bilder denken, und sie werden dies weiterhin tun.

 
Was ist Massurrealismus?
Domenic Ali
August 2005

"Damit ein Kunstwerk wirklich massurealistisch ist, muss es aber mehr sein als einfach bloß eine Kombination von [Popart, Massenmedien und Surrealismus] – es muss die Interaktionen explorieren und entwickeln, die sich aus der Juxtaposition dieser Sensibilitäten ergeben. Will der Massurrealismus seinen Anspruch auf die Notwendigkeit eines neuen Terminus zu seiner Identifikation rechtfertigen, dann muss er einen aktiven Dialog zwischen seinen konstituierenden Elementen nachweisen. Popart, Massenmedien und Surrealismus definieren den Massurrealismus nicht so sehr als sie die Grenzen des Bereichs bestimmen, der ihn enthält…"

Die oben zitierte Passage identifiziert zwar die Komponenten, die den Massurrealismus ausmachen, schweigt sich aber über die verwendeten Ansätze aus und über die Kunstwerke, die sich aus ihnen ergeben haben. Wir bleiben außer Stande, die Frage zu beantworten, was denn nun Massurrealismus sei. Um die Frage “Was ist Mussurealismus?” zu beantworten, müssen wir uns jenseits “der Grenzen des Bereichs, der ihn enthält” begeben und untersuchen, auf welche Weise die Komponenten des Massurrealismus mit einander interagieren.

Beginnen wir mit dem Surrealismus. Surrealismus ist ein bedeutendes Genre der Kunst des 20. Jahrhunderts. Was ihn von anderen modernen Kunstgenres – abstrakte Kunst, Expressionismus, Popart – unterscheidet, ist sein Fokus auf das, was außerhalb der Realität liegt, die Surrealität. Durch das Postulat der Existenz des Surrealen akzeptiert der Surrealismus die Existent einer Wirklichkeit, die jenseits unserer Wahrnehmung liegt. Es überrascht daher kaum, dass sich die Surrealisten so sehr für Freuds Arbeit über das Unbewusste interessierten. Sie sahen im Unbewussten ein Etikett für das, was nicht wahrgenommen werden konnte. Freuds glaube, dass Träume der königliche Weg zu dem Unbewußtsein ist, hilft uns zu verstehen, warum Träume solch eine zentrale Rolle in der surrealistischen Kunst spielt. Sie sind aber nur ein Instrument unter anderen, mit dem sich das Surreale explorieren lässt: die Methoden und Techniken des Dada, wie die Verbindung beliebiger Objekte, automatisches Schreiben oder Wortspiele vermochten gleichfalls Zugang zum Surrealen zu eröffnen. Surrealismus entwickelt sich aus dem Experimentieren mit neuen Methoden und Techniken zur Entdeckung und zum Ausdruck des Surrealen und aus der Identifikation der Art und Weise seiner Interaktion mit der Normalwirklichkeit.

Als nächstes sehen wir uns einmal die Massenmedien an. Ihre Anfänge gehen auf die Werbung der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Sie dienten dem doppelten Zweck, den Lebensstil des Konsumerismus zu propagieren und zugleich alle sozioökonomischen Klassen mit ausgetüftelter Unterhaltung zu versorgen (ein kleines Segment der Massenmedien zielt auf Erziehung ab, aber selbst hierbei bemüht man sich, „den Lernenden beim Lernen zu unterhalten“). Um 1920 waren die Massenmedien in den industrialisierten Ländern allgegenwärtig und von der Gegenwart darf man zu Recht sagen, dass sich die Massenmedien zu einem bestimmenden Element entwickelt haben, das Bürger und öffentliche Institutionen eines Landes formt.

Die Anfänge der Massenmedien als eine Kunstform liegen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Um künstlerische Aussagen zu machen, wandte sich diese Kunstform paradoxerweise vor allem den Werkzeugen der Massenmedien zu – vor allem den kommerziellen Werkzeugen der Videoproduktion und der Gebrauchsgrafik. Das Paradox liegt dabei selbstverständlich in dem Umstand, dass es keineswegs der ursprüngliche Zweck der Werkzeuge der Massenmedien war, individuelle künstlerische Aussagen zu machen, sondern umgekehrt Werbung zu produzieren, die eine Mehrheit der Konsumenten ansprechen sollte, mithin den Normalverbraucher, denn sie dienten dem Zweck, Produktumsatz zu maximieren. Der Geniestreich der Popart lag darin, dass sie die Werkzeuge der Video- und Grafikproduktion in Werkzeuge zum individuellen künstlerischen Ausdruck transformierte (und so wurde ja auch Popart schon früh von der Marketingindustrie vereinnahmt und zum Zweck der Vermarktung von Konsumartikeln zur Gebrauchskunst herabgestutzt.

Mit den vorangegangenen Erläuterungen im Gedächtnis können wir uns jetzt an die Beantwortung der Fragen machen „Was ist Massurrealismus?“. Ein möglicher Ansatz zur Definition von Massurrealismus liegt darin, ihn als Weiterentwicklung des Surrealismus unter Benutzung der Methoden und Techniken der Massenmedien zu betrachten mit dem Ziel, die Fähigkeiten des Künstlers zu Exploration und Ausdruck surrealistischer Ideen zu erweitern. Tatsächlich ermöglichen moderne Computergrafik und Videotechnik dem Künstler ein Ausmaß der Kontrolle über seine Bildwerke, von der die frühen Surrealisten nur träumen konnten, und machen so die Methoden und Techniken der Massenmedien zu natürlichen surrealistischen Werkzeugen. Kaum ein Kunstgrafiker, der sich bei der Betrachtung der Werke Dalis nicht fragen wird, wie er wohl dieselben surrealistischen Effekte mit Photoshop oder ähnlichen Programmen erzielen kann. Zur weiteren Entwicklung der surrealistischen Kunst braucht es freilich mehr als nur die Nachschaffung Dali-esker Kunstwerke (wenngleich dies sicherlich eine befriedigende Tätigkeit ist, die zu vielen interessanten und wichtigen Kunstwerken führen kann). Es ist erforderlich, über Dali (und die anderen Surrealisten) hinauszugehen und eine neue surrealistische Kunst zu schaffen, eine Kunst mithin, die sich über die surrealistischen Werke hinaus entwickelt hat, die vor die Einführung von Computergrafik und Videokunst datieren. Allein solche Kunstwerke verdienen es, von der klassischen surrealistischen Kunst unterschieden und mit dem besonderen Namen Massurrealismus bezeichnet zu werden.

Ein zweiter Ansatz zur Definition von Massurrealismus besteht darin, Popart und Massenmedien als Inhalte zu betrachten, die von surrealistische Methoden und Techniken verarbeitet werden, wobei sich die Frage stellt: Was bringt die surrealistische Perspektive den Massenmedien? Betrachtet man also die Massenmedien als den Gegenstand, mit dem sich surrealistische Methoden und Techniken befassen, dann ermöglicht uns dieser Ansatz zur Definition von Massurrealismus zu erfahren, was jenseits der Weltsicht der Massenmedien liegt, d.h. was jenseits des Konsumerismus liegt. Es mag vordergründig erscheinen zu sagen, dass eine Realität jenseits des Welt-Bildes des Konsumerismus liegt, doch ist dies, wie das vergangene Vierteljahrhundert gezeigt hat, keineswegs eine triviale Erkenntnis. Der Konsumerismus propagiert ein größtenteils unbewußtes System von Überzeugungen, denen zu Folge die Menschheit für den Zweck organisiert werden soll, Waren zu konsumieren und Geld und Macht zu erwerben, um zum Erwerb von Waren befähigt zu sein. Dieses System von Überzeugungen vereinnahmt die geistige Landschaft der Industriegesellschaften, wobei die Mehrheit der Menschen in dem Gefühl lebt, sich nicht mehr in Kontakt mit einer unmittelbar erfahrbaren Wirklichkeit zu befinden. Probleme wie dieses und der Alarm, den sie auslösen, haben rebellische Zeitschriften wie etwa „Adbusters“ (eine Gruppe aufmüpfiger Kunstgrafiker, die bewusst machen wollen, wie Massenmedien und Konsumerismus das geistige Umfeld der Menschen in der industrialisieren Welt infiltriert hat und kontrolliert) auf den Plan gerufen. In ähnlicher Weise reflektiert der bekannte Film “Die Matrix” die oft undefinierten und unausgesprochenen Ängste vieler durch seine alptraumartige Story: einer Welt, die von Menschen bewohnt wird, die, durch Spaß und Sicherheit einer virtuellen Realität betäubt, dem ausschließlichen Zweck dienen, durch ihre Körper die Mächtigen mit Energie zu versorgen. Mag der soziale Schaden des unkontrollierten Konsumerismus auch offenkundig sein, so haben wir es doch zugelassen, dass wir vollkommen machtlos geworden sind, diesen Übergriff auf uns selbst, unsere Familien und unsere Freunde aufzuhalten.

Dieser zweite Ansatz zur Definition von Massurrealismus – der Gebrauch surrealistischer Methoden und Techniken zur Bloßstellung einer Wirklichkeit jenseits des Konsumerismus – impliziert eine kritische und möglicherweise politische Rolle für die massurealistische Kunst. Wollen wir einen Schritt weiter gehen als bloß die Aufmerksamkeit auf dieses Problem zu lenken, wollen wir also zu irgendwelchen Taten schreiten, dann muss massurealistische Kunst in der Lage sein, ein Maß an emotionaler Dringlichkeit zu vermitteln. Emotion – wörtlich, nach außen gerichtete Bewegung – muss auf eine Weise erzeugt werden, die uns dazu bewegt, aus dem konsumeristischen Weltbild auszubrechen und uns in die Lage zu versetzen, unseren Leben wieder mehr Sinn zu geben. Massurealistische Kunst, die den Betrachter in diesem Sinne motiviert, würde einen bedeutenden Beitrag zur modernen Kunst leisten.

Die beiden Ansätze zur Definition von Massurrealismus – einerseits die Weiterentwicklung des surrealistischen Anliegens mit den Computergrafik- und Video-Werkzeugen des 21. Jahrhunderts und andererseits der Einsatz surrealistischer Methoden und Techniken zur Aufdeckung der Verstrickungen einer konsumeristischen Gesellschaft mit dem Ziel, uns gegen sie zu motivieren, so dass wir unsere eigentliche Lebenswirklichkeit zurückgewinnen können – stehen in einem gewissen Gegensatz zu einander. Der erste Ansatz nötigt uns dazu, unsere Alltagswirklichkeit zu transzendieren; der zweite drängt uns in unsere Wirklichkeit hinein und nötigt uns zur Tat. Zur vollständigen Definition von Massurrealismus sind beide Ansätze erforderlich. In der Tat kann man soweit gehen zu sagen, dass ein massurealistisches Meisterwerk ein Kunstwerk wäre, das die Alltagswirklichkeit unserer postindustriellen Gesellschaft transzendiert und zugleich voll erfüllt. Die gleichzeitige Präsenz von Transzendenz und politischer Aktion in einem Werk der Kunst mag unmöglich erscheinen, ist es aber keineswegs; vielmehr ist die Verkörperung solcher Paradoxität das Kennzeichen großer Kunst. Geboren zum Ausgang des 20. Jahrhunderts hat der Massurrealismus das Potential, einen Betrag zum Entstehen der ersten großen Kunstwerke und Künstler des 21. Jahrhunderts zu leisten.